La Troisième République française et ce qu’elle vaut/Vorrede

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Vorrede des Herausgebers.


Daß bei der Vollstreckung von Gobineaus literarischem Testamente eine Schrift wie die vorliegende am allerwenigsten bei Seite gelassen werden durfte, dafür sprechen allein schon das Widmungsblatt und die letzten Kapitel, insbesondere die Schlußworte, in welchen sie ganz besonders eindrucksvoll als ein hervorragender Bestandteil eben jenes Testamentes bezeichnet wird. Daß sie aber jetzt erscheint, dafür tragen die ernstesten und urteilsfähigsten meiner französischen Freunde die Verantwortung, die mir einmütig, und zum Teil dringend, zugeredet haben, sie baldmöglichst zu veröffentlichen. Das mußte denn wohl oder übel die Bedenken, die anderseits dem Deutschen eine gewisse Zurückhaltung ihr gegenüber aufzuerlegen schienen, besiegen, um so mehr, als der, an sich ja freilich äußerliche, Umstand, daß sie als einzige unter den nachgelassenen historisch-politischen Schriften gänzlich abgeschlossen vorliegt, ebenfalls für ein Voranstellen ernstlichst ins Gewicht fiel.

Offenbar wünschten die genannten Franzosen die hier vertretenen Anschauungen einmal auch anders als in einer nur für den Tag berechneten Flugschrift, nach ihrer bleibenden Bedeutung und von einem Manne vorgetragen, der, wie durch seine ganze Art und Stellung, so zumal auch dadurch, daß er seit langem nicht mehr unter den Lebenden weilt, über alles eigentliche Parteileben und -Treiben hinausgerückt erscheint.

Zum ersten Male zeigt sich uns hier Gobineau von einer Seite, die bisher, in seinen übrigen Schriften, wenigstens nur mittelbar und wie andeutungsweise hervortrat : als Beobachter und Beurteiler der zeitgenössischen Geschichte seines Landes und Volkes, als Franzose und Patriot. Letzteres Wort darf hier nicht in dem Sinne einer möglichst weitgehenden Unterwerfung unter das Tatsächliche der historischen Entwicklung, eines Anschlusses an die herrschenden Tagesmeinungen und ihre Träger und Verkörperer verstanden werden. Ein solcher Patriot war Gobineau nicht und konnte es seiner ganzen Natur nach nicht sein. Er wahrte sich immer das Recht, vom Standpunkt seiner monarchischen und aristokratischen Überzeugungen Kritik an dem Verlauf der politischen Ereignisse wie an dem Gebahren der politischen Gruppen und Persönlichkeiten zu üben, wenn er sich dabei nur festwurzelnd wußte in der Liebe zu dem, was ihm als das Ideal für sein Volk vorschwebte. Und wenn ihm aus anderem Anlaß — wegen seiner Deutschfreundlichkeit, richtiger : wegen seiner vorurteilslosen Würdigung deutscher Art und Welt — gerade von sonstigen Gesinnungsgenossen der Patriotismus abgesprochen worden ist, so wird angesichts dieser neuen Veröffentlichung wohl Niemand weder dieses mehr wagen, noch auch im allgemeinen den Tiefgang seiner Betrachtung wie das Positive seiner Kritik leugnen können, so wenig anderseits seine Freunde es werden bestreiten wollen, daß Gobineau da, wo er — was ja unausbleiblich — Dinge mit hineinzog, die nun einmal dem Tage angehören, dem Irrtum, und zudem der Versuchung subjektiver, wohl auch einseitiger Auffassung unterworfen geblieben ist. Aber viele andere, und zwar die wichtigsten der hier berührten Probleme, sind dauernder Art, der eigentliche Kern dieser Lebensfragen des französischen Volkes bleibt stets derselbe, und gerade die ihm gewidmeten Ausführungen sind getragen von einem solchen Geiste schlichter Wahrheitsgröße, daß man daneben manches weniger Überzeugende, wie auch manches Veraltete und durch den Gang der Ereignisse Überholte gern in den Kauf nehmen wird. Was die Ökonomie des Werkes anlangt, so leidet sie freilich ein wenig durch zu starkes In-die-Breite-gehen, namentlich in der Partie von etwa dem 32ten bis zum 40ten Kapitel, aber der ernste und große Zug, der die ganze Betrachtung der französischen Politik und Geschichte durchweht, und der schließlich doch immerhin diese Schrift zu einer der bedeutsamsten Kundgebungen Gobineaus erhebt, bricht immer wieder durch und sollte für den Tieferblickenden auch dadurch nicht verdeckt werden, daß der Patriotismus, aus dem er hervorgeht, zuweilen schneidend herb und bitter ironisch sich äußert. Es liegt freilich in der Natur der Dinge, dass die Tacitus-Gestalten unter den Patrioten, von denen auch Gobineau eine gewesen ist, immer nur von Wenigen gern gehört werden.

Alles in Allem ist somit zu gewärtigen, daß die „3te Republik“ weit über das bloß historisch-biographische Interesse hinaus, das sie zunächst, und in hohem Maße, birgt, auch unmittelbar anregend unter den politisch Denkenden von heute wirken wird. Freilich mit Unterschied. Gedankengänge, wie die über Königtum und Monarchie, Behauptungen wie die, daß die Franzosen im Grunde keine Republikaner seien, wird man heute in Frankreich schon kaum mehr begreifen, und doch müssen wir uns gegenwärtig halten, daß damals, als die Schrift geschrieben wurde, [1]nicht nur ein Gobineau, der als einsamer Denker sich abseits hielt, solche Überzeugungen verfocht, sondern auch Männer, die ganz anders im Mittelpunkt des nationalen Lebens und Erlebens standen, sie vollauf geteilt haben.[2]

Ein anderes ist es um den Regionalismus, die eigentliche Grund- oder doch Endesidee der „3ten Republik“, und eine der Lebensideen Gobineaus überhaupt. Sie wird nicht nur schon von großen Zeitgenossen Gobineaus, wie vor allem von Taine, geteilt und vertreten, sondern beseelt auch die bedeutendsten Schriftsteller des heutigen Frankreich.

Wenn irgendwo, hat sich hier Gobineaus Blick prophetisch erwiesen in der Ankündigung einer Bewegung, in welcher heute mehr und mehr die geistig hervorragendsten Franzosen das Heil für die Fortentwicklung, um nicht zu sagen : für die Rettung ihres Volkes erblicken. Der konservative Gedanke verwächst hier aufs Innigste mit dem der Tradition, des Volkstums ; der Patriotismus äußert sich vor allem als Heimatsgefühl, das nach Gobineaus Meinung die — im höheren Sinne heimatlose — Masse der Pariser nicht kennt, das aber in den übrigen Teilen des Landes um so mehr neu anzufachen sei, um Leben jeder Art daraus erstehen zu lassen, das einzig auf die Dauer auch für ganz Frankreich Leben werde bedeuten können. Diese Stellen von der Rolle, von den Rechten und Hoffnungen der Provinzen sind vielleicht die ergreifendsten und durchschlagendsten des ganzen Buches, und auf sie wird man auch seine Erwartungen von dessen Wirkungen im Vaterlande seines Verfassers vor allem zu begründen haben.

Einzelne stylistische Unebenheiten und unbeglichene Wendungen erklären sich daraus, daß Gobineau die „3te Republik“ nicht selbst zum Druck befördert hat. Immerhin lag der Text im Durchschnitt verhältnismäßig glatt und lesbar vor, sodaß ich nur an einzelnen Stellen offenbare Versehen zu berichtigen, auch hie und da eine durch unvollständig durchgeführte Korrektur entstandene Unklarheit mit leisem Eingreifen zu beseitigen hatte.

Für freundliche Beihilfe bei der Aufhellung und Feststellung einiger besonders schwieriger Stellen bin ich meinen Freunden, den Herrn Dr. P. Bucher in Straßburg und Professor Dr. Rudolf Schlösser in Jena, sowie Herrn Professor Dr. Adalbert Wahl in Freiburg zu herzlichem Danke verpflichtet. In besonderem Maße schulde ich solchen auch diesmal wieder der unermüdlichen Sorgfalt und Hilfsbereitschaft des Herrn Oberbibliothekar Prof. Oskar Meyer in Straßburg, der u. a. noch während der Drucklegung eine ganze Anzahl Stellen zu größerer Sicherheit mit der Originalhandschrift verglichen hat.

Freiburg, 9. April 1907.

L. Schemann.
  1. Sie ist 1877 entstanden. Vgl. S. 96.
  2. Man vergleiche hierzu Döllingers vortreffliche Ausführungen in seinen „Akademischen Vorträgen“ Bd. II, S.323. „Mignet wie Thiers waren im Grunde ihres Herzens monarchisch gesinnt...“ Thiers hatte mehrmals eingestanden, daß die Franzosen ein durchaus unrepublikanisches Volk seien... Mignet sagte, „daß die Nation staatliche Existenz und Erziehung, Größe und Ruhm dem Königtum verdanke“. Daß Renan, wenigstens zeitweise in der Reihe seiner Wandlungen, ganz ähnlich gedacht hat, ist bekannt und neuerlich von Ernest Seillière in seiner interessanten Abhandlung „l’Impérialisme germaniste dans l’œuvre de Renan“ (Revue des Deux Mondes 15 octobre 1906) ins Gedächtnis zurückgerufen worden.